Consent Calling: Mehr als nur ein Sexshop

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Regina Bruckschlögl

25. März 2022

Consent Calling
© Hannah Hocker

Auf Startnext sammelt das Münchner Kollektiv Consent Calling gerade Geld für einen Sexshop ein. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht so spannend klingt, ist es dann aber doch. Denn der geplante Sexshop soll mehr werden als eine Offline-Variante von Amorelie. Was genau das Kollektiv vorhat und wie ihr das Team unterstützen könnten, erfahrt ihr im Interview.


MunichMag: Auf Startnext läuft gerade eure Crowdfunding-Kampagne, bei der ihr Geld für euren geplanten Sexshop in München einsammelt. Was wird euren zukünftigen Sexshop von anderen unterscheiden und was werdet ihr dort anbieten?

Constent Calling: Cool, das ist direkt die richtige Frage am Anfang! Unser Sexshop wird eigentlich viel mehr als ein Sexshop. Hauptsächlich wollen wir einen Raum schaffen, an dem sich Menschen mit (ihrer) Sexualität auseinandersetzen können, ohne sich von sonst herrschenden Normen und Schamgefühlen einschränken zu lassen. Der Verkauf von Sextoys und anderen Produkten (rund um Körper) ist natürlich ein Teil davon. Dazu gehört auch eine individuelle Beratung, die Unsicherheiten abfedern kann.

Wir wollen den Zugang zu Sexualität aber nicht nur auf diesem einen Weg ermöglichen. Wir wollen einen Ort schaffen, an dem man sich austauschen kann, um so Unsicherheiten und Neugier auf ganz offene Art zu begegnen. Außerdem soll eine feministische Herangehensweise an das Thema dazu beitragen, bestehende soziale Strukturen zu erkennen, zu hinterfragen und zu bekämpfen.

Wir wollen im Laden selbst Literatur anbieten und eine Leseecke einrichten. Der Bereich der Bildungsarbeit ist ein zentraler Teil unseres Projekts und hier sind wir auch jetzt schon sehr aktiv. Wir veranstalten Workshops und Themenabende. Wenn wir unseren eigenen Raum haben, wollen wir auf jeden Fall auch externe Personen einladen, Lesungen, Workshops oder sonstige Veranstaltungen bei uns zu machen.

Unser Ansatz ist es also, auf ganz unterschiedliche Arten neue Zugänge zu Sexualität zu schaffen – indem man sich mit der eigenen Lust auseinander setzt, theoretische Ansätze erkundet, sich mit anderen austauscht oder praktisch neue Dinge ausprobiert.

Gibt es irgendwelche Kriterien, die Produkte erfüllen müssen, um es in euer Sortiment zu schaffen?

Natürlich wollen wir gerne Produkte anbieten, die fair und nachhaltig produziert sind und für die Materialien verwendet wurden, die ungefährlich für den Körper und einfach zu reinigen sind. Allerdings sehen wir hier die Gefahr, dass wir dadurch nur Produkte verkaufen werden, die relativ teuer sind – und die Preise dadurch eine große Hürde für viele Menschen werden. Deshalb werden wir hier versuchen eine Mischung zu schaffen.

© Consent Calling
Consent Calling

Generell werden wir auch bei der Präsentation unseres Sortiments auf bestimmte Dinge achten. Zum Beispiel wollen wir Produkte nicht "für Frauen" oder "für Männer" anbieten, sondern anwendungsbezogen sortieren, also nach Funktion und Art der Produkte. Auch wollen wir keine normativen Körper- und Sexdarstellungen auf den Verpackungen in unserem Laden ausstellen, sondern von allen Produkten ein Anschauungsexemplar ausgepackt ausstellen. So können wir diese Bilder umgehen, sollten sie doch bei einzelnen Produkten auf der Verpackung abgebildet sein. Und gleichzeitig bietet sich so die Möglichkeit, die Toys in die Hand zu nehmen und Vibration, Material und Ähnliches ausprobieren.

Wen wollt ihr mit Consent Calling ansprechen?

In unserer Idealvorstellung erreichen wir alle Menschen, die sich auf irgendeine Art mit ihrer Sexualität auseinandersetzen wollen. Gerade Menschen, die vielleicht noch keinen eigenen Zugang zum Feminismus gefunden haben, wollen wir gerne mit unserem Projekt dazu einladen, sich mit Fragen rund um Feminismus und Sexualität zu befassen. Aber eine feste Zielgruppe haben wir nicht. Willkommen sind alle!

Und wer steht hinter dem Kollektiv Constent Calling?

Zur Zeit besteht das Kernkollektiv aus sieben Personen. Wir wachsen aber die ganze Zeit und passen uns immer den Kapazitäten der Kollektivmitglieder an. Wir versuchen so eine solidarische Arbeitsweise zu schaffen, die Raum lässt für individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse. Wir versuchen also aufeinander zu achten, empathisch miteinander umzugehen und füreinander da zu sein – auch außerhalb der Arbeit im Kollektiv.

© Consent Calling
Consent Calling

Wir sind aber auch gerade dabei, eine Unterstützer:innen-Struktur aufzubauen, um so mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, zum Entstehen des Raumes beizutragen. Gerade Menschen, die nicht einfach 10-20 Stunden die Woche ehrenamtlich in dieses Projekt stecken können, sollen so die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Uns ist auch bewusst, dass wir nur eine begrenzte Bandbreite an Perspektiven zusammentragen können und wollen gerade durch diese Struktur den Zugang zu erleichtern, damit Menschen weitere Perspektiven einbringen können.

Euer erstes Fundingziel habt ihr bereits geknackt. Welche Schritte folgen auf eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne?

Mit den 14.400 Euro haben wir unser erstes Crowdfunding Level erreicht. Das ist schon eine riesige Unterstützung und wir freuen uns mega, dass das Projekt auf so viel Zustimmung bei den Münchner:innen trifft.

Leider ist München unglaublich teuer. Und unser Projekt – das nicht auf Profit ausgelegt ist – muss sich irgendwie tragen. Um auf Raumsuche gehen zu können und eine langfristige Räumlichkeit für unser Projekt zu finden, brauchen wir mindestens 20.000 Euro. Ansonsten ist das Risiko, das wir dann privat übernehmen müssen, zu groß. Wenn wir mit ein bisschen Puffer (die ersten Monate wird sich der Laden nicht komplett selbst tragen) die Raumausstattung, Miete, Waren, Workshops, etc. bezahlen können wollen, reichen die 14.400 Euro noch nicht.

Mit dieser Summe werden wir vor allem an unserem Bildungsprogramm weiterarbeiten und nach einer Form der Zwischennutzung suchen. Vielleicht werden wir einen Pop-Up Store aufmachen. Je nachdem wieviel Geld am Ende beim Crowdfunding zusammenkommt, können wir also unsere nächsten Schritte planen und kurzfristiger bzw. langfristiger denken.

Kann man euch – neben Crowdfunding – sonst noch unterstützen?

Wir haben ja bereits den Unterstützer:innen-Kreis angesprochen. Wer auch immer Interesse hat uns mehr zu unterstützen als durch das Crowdfunding, kann sich gerne bei uns melden! Das geht entweder direkt über unsere Internetseite, per Mail, oder Instagram und Twitter. Wir freuen uns über alle Menschen, die Lust haben unser Projekt voranzubringen.

Und ansonsten kann man uns natürlich helfen, indem man die Kampagne teilt!

Gibt es Seiten oder Läden, die euer Vorbild sind, und die ihr empfehlen könnt?

Jede Menge!

Direkte Vorbilder von uns sind Fuck Yeah in Hamburg, Other Nature in Berlin und Juicy in Leipzig. Alle drei sind feministische Sexshop-Kollektive, die drei coole Orte geschaffen haben. Wer mal in den Städten ist, sollte da auf jeden Fall mal vorbei schauen.

In Freiburg gibt es außerdem das Kollektiv Erogene Zone. Die haben gerade erfolgreich ihr Crowdfunding beendet und eröffnen hoffentlich bald ihren Shop in Freiburg.

Wir versuchen auf jeden Fall uns gemeinsam zu vernetzen, um voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu unterstützen. Feministische Grüße gehen raus an alle lieben Menschen dieser Kollektive.

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