Junge Kunst aus München: Broke.Today

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Julia Wittmann

11. Mai 2021

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© Matze Ried
Das Kunstkollektiv Broke.Today fällt durch kreative Zwischennutzungen und bunte Murals auf. Wir haben mit den jungen Künstlern gesprochen.

In unserer neuen Interview-Reihe wollen wir euch junge Künstler:innen und kreative Köpfe vorstellen, die München mit ihrer Kunst und ihren Projekten etwas lauter, bunter und besser machen. In der ersten Folge sprechen wir mit den Graffiti-Künstlern Ralf Spitzer (Shamey ABC), Erik Mayer, Dino Maat und Gerald W. Jegal vom Kunstkollektiv Broke.Today, das bereits durch verschiedene Zwischennutzungen Aufsehen erregt hat. Bis vor kurzem haben sie ein Abrisshaus mitten in der Maxvorstadt bespielt und durften sich in dem alten FINA Parkhaus in der Hildegardstraße austoben, das ebenfalls bald abgerissen wird. Mit Redakteurin Julia haben sie über die Arbeit des Kollektivs, über München und die Temporalität von Graffitis gesprochen. 


MunichMag: Seit wann existiert das Kollektiv Broke.Today?

Erik: Das Kollektiv wurde vor zwei Jahren von Fillin Guas und weiteren im Container Collective am Ostbahnhof gegründet. Broke.Today ist ein Lifestyle und ein Mindset, das wir nutzen. Ich bin letztes Jahr im Juni dazugekommen, als das Kollektiv in der 089 Bar aktiv war, um den ganzen Club herzurichten.

Gerald: Der Gedanke des Kollektivs besteht schon seit drei Jahren. Fillin Guas hatte diese Utopie im Kopf, München wieder in so einen Zustand wie in den 1970er zu versetzen, als München ein subkultureller Hotspot war, in dem sich Freddy Mercury und zahlreiche große, internationale Künstler:innen regelmäßig aufgehalten haben. Die Stadt war ein Kreativ-Mekka. Das hat sich in den letzten 40 Jahren enorm verändert, es liegt ein konservativer Schleier über allem.

Und das wollt ihr ändern?

Gerald: Graffiti ist ja eigentlich ein Phänomen was aus München kommt. Die deutsche Szene hat hier ihren Ursprung. Im Laufe der Zeit hat sich das irgendwie verändert und Berlin hat sich zu einem subkulturellen Hotspot entwickelt. Das wollen wir auch gar nicht ändern, wir wollen eigentlich nur den Münchner:innen zeigen, dass es hier etwas gibt, dass wir hier etwas machen. Wir möchten den Künstler:innen, die hier leben, Platz und Möglichkeiten bieten sich zu zeigen und der Öffentlichkeit gegenüber zu treten. Die Subkultur soll eine Stimme bekommen.

Ihr bietet der Subkultur also eine Plattform. Ich finde es sehr spannend, wie ihr im öffentlichen Raum agieren könnt. Wie findet ihr die Locations für eure Projekte?

Erik: Es ist immer unterschiedlich. Fillin Guas ist sehr aktiv und hat viele Kontakte. Auch durch unsere Aktionen, wie in der 089 Bar oder der Kaufinger Passage werden verschiedenste Leute auf uns aufmerksam. Es passiert auf allen Wegen, manchmal privat, manchmal über Social Media und manchmal ist es auch Zufall. Das Trap House in der Maxvorstadt konnte beispielsweise Dino Maat organisieren. Dort konnten wir einen Monat bleiben.

Wie viele Leute sind aktuell in eurem Kollektiv aktiv?

Gerald: Das ändert sich immer wieder. Der harte Kern sind um die zehn Leute und drum herum gibt es ganz viele Künstler:innen, so um die 30, aber nicht jede:r hat immer Zeit. Wir machen das hauptberuflich, aber viele andere machen es neben ihrem Beruf. Wir wollen damit auch zeigen: Kunst? Trau dich! Es ist schwierig, aber es ist ein Beruf und man kann diesen Beruf auch ausüben.

© Matze Ried
Bodenarbeit von Dino Maat

Ich finde es interessant, dass sich die Idee von Broke.Today im Container Collective gegründet hat, da es eines der wenigen Projekte ist, mit dem die Stadt München versucht, Subkultur zu fördern.

Gerald: Man merkt mittlerweile, dass sich in den letzten zwei Jahren subkulturell einiges getan hat in der Stadt. Es poppen immer mehr kleine Zellen auf, das ist spannend und gibt dem Ganzen echt eine Dynamik. Es zeigt auch, dass Subkultur wichtig ist für so eine Metropole. So können fähige junge Leute angelockt werden, die wiederum auch wirtschaftlich ihren Beitrag leisten und München zu einem attraktiven Standort machen.

Was würdet ihr euch von der Stadt wünschen?

Gerald: Ich würde mir wünschen, dass die Wirtschaft und die Stadt mehr den Sinn dahinter erkennen, den wirtschaftlichen Gewinn. Kultur ist wichtig für eine Stadt dieser Größe, München ist kein Dorf. Wir können nicht diese konservativen Gedanken aufrechterhalten, wir müssen uns öffnen, sonst entwickelt sich München zu einer Monokultur. Dann verlassen die jungen Leute die Stadt und die Innovation geht verloren.

Es ist wahrscheinlich auch grundsätzlich ein Problem, wie Urban Art und Graffiti von der Mehrheit der Stadtgesellschaft wahrgenommen wird. Das verändert sich aber auch stark, oder?

Ralf: Es hat sich viel verändert! Im Vergleich vor 10 Jahren sind die Leute viel toleranter geworden, aber trotzdem ist München im Vergleich zu anderen Städten hinten dran, was den Platz an legalen Flächen für Graffiti Art angeht. Andere Städte haben mehr legalen Raum, mehr Freiraum. Hier wird Wildwuchs nicht gern gesehen.

© Matze Ried
Mural von Gerald W. Jegal

In München gibt es eigentlich nur die Flächen rund um den Bahnwärter Thiel, wo man wirklich frei sprayen kann, oder?

Ralf: Das stimmt. Bei uns ist der Platz sehr begrenzt. An der Brudermühlbrücke ist auch ein legaler Freiraum, aber da dürfen nur bestimmte Leute malen. Dort finden dann Events statt, wo alles neugestaltet wird. Das finde ich schade, es gibt so viele coole Flächen, wo man Neues gestalten und auch bestehen lassen könnte.

Wie geht es euch damit, wenn eure Werke in den temporären Zwischennutzungen entstehen, ebenfalls wieder verschwinden?

Ralf: Ich komme aus der klassischen Graffiti-Szene, ich habe das wirklich noch auf der S-Bahn gelernt und da bleibt auch nur ein Foto. Inzwischen ist unsere Arbeit durch die sozialen Medien viel weiträumiger gestreut und dadurch auch für die Öffentlichkeit zugänglich. In vielen Fällen macht man seine Werke tatsächlich fürs Foto, für die Dokumentation. Damit hat man eine Erinnerung. Gewisse Dinge macht man, weil es einfach Spaß macht und weil man im Moment lebt. So war das auch hier auf dem Dach des Parkhauses. Diese Wahnsinns-Aussicht, die Sonne hat geschienen und wir haben unsere Bilder gemalt.


Ihr wollt mehr vom Kunstkollektiv Broke.Today sehen? Dann schaut doch mal auf ihrem Instagram vorbei.

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