Junge Kunst aus München: Die Städtischen

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Julia Wittmann

18. Juli 2021

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© Die Städtischen

In dieser Interview-Reihe wollen wir euch junge Künstler:innen und kreative Köpfe vorstellen, die München mit ihrer Kunst und ihren Projekten etwas lauter, bunter und besser machen. In der dritten Folge sprechen wir mit dem Kollektiv „Die Städtischen“, einer Gruppe junger Münchner:innen, die immer wieder durch Kunst- und Kulturprojekte im öffentlichen Raum Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit Redakteurin Julia haben sie über Interdisziplinarität, ihre Villa und die nächsten Projekte gesprochen.


Wollt ihr euch kurz vorstellen?

Wir sind „Die Städtischen“. Das ist ein Konglomerat von vielen verschiedenen Leuten, die zusammenkommen und verschiedene Backgrounds mitbringen. Zusammen versuchen wir, den öffentlichen Raum auf eine Art und Weise zu nutzen, die unüblich ist, um das Potential zu zeigen, das in ihm steckt.

Interdisziplinarität ist euch also wichtig. Wer macht bei euch mit?

Das ist das Wichtigste überhaupt. Wir haben am wenigsten Arbeit, wenn jede:r das macht, was er bzw. sie am besten kann. Aber auch wenn jemand Bock hat etwas zu lernen, dann ist das kein Problem, weil jemand da sein wird, um es der Person beizubringen. Interdisziplinarität ist wirklich das A und O. Wir sind nicht nur Musik, nicht nur Kunst, nicht nur Graffiti – genau das ist unsere Stärke. Wir profitieren von einem ständigen Perspektivenwechsel und agieren eigentlich wie eine kleine Hochschule. Wir machen übrigens vor jeder Veranstaltung eine kleine Feier, damit die Künstler:innen, die Musiker:innen, die Barleute und die Helfer:innen alle auf dem gleichen Level sind und wissen, dass sie alle gleich respektiert werden. Wir sind auch nicht böse, wenn jemand mal nicht kann, die Person wird uns in Zukunft an andere Stelle wieder weiterhelfen können.

Wir sind circa 70 Leute und davon tragen 30 Leute die Verantwortung in einem Projekt. Aber eigentlich ist jede:r „Die Städtischen“ – sogar der Nachbar, der sich beschwert. Er ist auch ein Teil der Stadt und wir versuchen ihn zu respektieren und mit ins Boot zu holen. Wenn du mit einer guten Idee zu uns kommst und zwei, drei Leute davon überzeugen kannst, dann bist du bereits Teil des Kollektivs.

© Die Städtischen
Projekt "Mehr Liebe weniger Hass"

Seit wann gibt es euer Kollektiv?

Uns gibt’s seit kurz vor Corona. Corona war nicht ausschlaggebend für die Gründung. Vor der Pandemie hatten wir uns bereits die Spieltage überlegt, jeden Tag eine andere Veranstaltung, wie ein Sommerfest. Hätten wir während der Pandemie erst angefangen zu planen, hätten wir das niemals durchgezogen.

Ich dachte tatsächlich, dass ihr euch während oder wegen Corona gegründet habt. Bei euch steht ja der öffentliche Raum im Fokus der Projekte und gerade im letzten Jahr hat man gemerkt, wie wichtig dieser Raum ist. Ich habe selber auch keinen Balkon und bin auf den öffentlichen Raum in der Stadt angewiesen. Ihr habt es geschafft euch diesen Raum anzueignen, gerade als man ihn am meisten gebraucht hat.

Corona war nochmal ein Turbo für uns, weil uns – wie du sagst – die Freiflächen gefehlt haben und wir etwas gegen den Stillstand machen wollten. Die Städtischen sind „Anti-Stillstand“. Man könnte sagen, das war Zeitgeist. Wir haben am Anfang letzten Jahres an einem Wettbewerb teilgenommen in dem es um Kleingärten ging und haben damals schon über Parkplätze geredet. Unser Plan war es, Parkplätze konsumfrei umzunutzen, bevor jetzt die ganzen Schanigärten entstanden sind. Dass das jetzt möglich ist, liegt wirklich nur an Corona. Auch unser Projekt am Breisässerplatz. Das KVR hat vor kurzem sogar offiziell die Vorschriften geändert, sodass diese Umnutzung des Platzes jetzt offiziell erlaubt ist.

© Die Städtischen
Spieltage 2020

Ihr habt die Spieltage erwähnt, könnt ihr nochmal kurz erklären, was ihr letztes Jahr gemacht habt?

Die Spieltage fanden an sieben Tagen hintereinander statt. Jeden Tag war eine andere Aktion: Theaterstück, Filmfestival, Konzert oder Kunstinstallation. An dem letzten Spieltag war ein Rave geplant, das konnten wir dann aufgrund von Corona nicht umsetzen. Das war zu riskant.

Ihr seid euch also über eine gewisse Verantwortung bewusst.

Wir wollen etwas Gutes für die Stadt und halten die Hygienemaßnahmen ein. Aktuell haben wir eine Zwischennutzung im Gasteig und das Feedback bekommen, dass wir die besten Veranstalter sind, die sie je hatten. Das Hygienekonzept wird eingehalten, wir hinterlassen kein Glas und keinen Müll. Die Polizei war beim letzten Konzert auch da, aber es hat alles gepasst und sie sind wieder weitergezogen. Wir sind uns über unsere Verantwortung bewusst und sind gerade auch mit der Stadt im Gespräch für größere Veranstaltungen im Sommer. Wenn wir uns jetzt nicht beweisen, dann klappt das nicht.

Ihr plant also schon die nächsten Projekte. Könnt ihr bereits etwas verraten?

Wir planen und diskutieren gerade intensiv mit dem Kulturreferat, dem KJR und dem Nachtbürgermeister –

Dem Nachtbürgermeister?

Das haben mehrere Städte. Das ist quasi ein Moderator zwischen dem Nachtleben und der Stadt. Wenn es keine Probleme mit der Delta Variante gibt, dann wird der Sommer sehr gut und es kommen Veranstaltungen für große Mengen an Leuten, aber auch kleinere Veranstaltungen. Wie letztes Jahr, nur viel größer.

…und in Zusammenarbeit mit der Stadt München, das sind doch gute Aussichten!

Für uns gibt es mehrere Gründe mit der Stadt zu arbeiten, zum Beispiel Haftung. Wir können machen was wir wollen, aber wenn jemand ausrutscht und sich auf einer unserer Veranstaltungen verletzt, dann müssen wir schauen, wie wir damit umgehen. Anerkennung ist auch wichtig. Das Problem ist, dass wir konsumfrei sind und deswegen nicht so ernst genommen werden. Es ist tatsächlich einfacher eine Genehmigung zu bekommen, wenn man ein Konzept mit Konsum vorstellt. Wir wollen aber Alternativen dazu schaffen.

© Die Städtischen
Zwischennutzung am Gasteig

Ihr wart vor kurzem in der SZ Junge Leute zu sehen und habt eure Villa vorgestellt. Wollt ihr nochmal kurz erklären, worum es sich dabei handelt?

Zusammen mit dem Kollektiv Bushbash nutzen wir die Villa als Workspace und haben dort auch schon Projekte zusammen umgesetzt. Das war auch ein ungenutzter Raum, der eigentlich abgerissen werden sollte, was sich aber auch u.a. wegen Corona verschoben hat. Wir können dort noch bis Februar/März bleiben und haben dort einen idyllischen Garten, ein Studio, eine Werkstatt, Büroflächen zum Lernen und Arbeiten. In jeder Ecke ist Kunst und wir versuchen einfach jeden kleinen Raum zu nutzen. Den Raum haben wir von privaten Leuten zur Verfügung bekommen, die super nett sind, uns unterstützen, die Stromrechnungen bezahlen und eigentlich den Job der Stadt machen. Es gibt so viele solcher Orte, die die Stadt besser nutzen könnte. Dafür kämpfen wir auch. Mehr Raum, mehr öffentlicher Raum, aber wir brauchen auch eine Base. Die Villa ist das Headquarter von unserem Verein.

Normalerweise frage ich am Ende, was sich die Künstler:innen von der Stadt wünschen würden, aber in eurem Fall ist das wohl recht klar geworden. Deshalb meine Frage zum Schluss: Was gefällt euch jetzt schon an München?

So viel! Die Offenheit der Menschen, das Umweltbewusstsein der Stadt, das ganze Grün. Die Leute haben Zeit – und Geld, was bedeutet sie haben Zeit – und können sowas machen, wie „Die Städtischen“. Das ist eine gute Sache. Wir bemerken auch einen langsamen Wechsel in der Politik.

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